Systemische Zufälle oder: Vorwürfe, die keine sind*

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*Leider muss ich mich auch im 21. Jahrhundert noch der Diskussion stellen, dass ausschließlich männlich besetzte Podien und Gremien genau nicht „nur Zufall“ sind. Wer sich in einem sensibilisierten Umfeld aufhält, mag das Folgende für selbstverständlich halten. Leider ist es das noch lange nicht.

Es ist ein Irrtum, dass ausschließlich männlich besetzte Podien und Gremien der Vergangenheit angehören. Es ist leider genauso ein Irrtum, dass mehrheitlich männlich besetzte Podien und Gremien ein maßgeblicher Fortschritt sind: Sie vermitteln Verantwortlichen nämlich den Eindruck, schon genug getan zu haben für die Repräsentanz und Förderung von Frauen* in ihrer Struktur. Auch wenn dem nicht so ist.

tumblr_nr5qbuMyTt1uq1a7qo1_1280Die finnische Forscherin Saara Särme begann im Februar 2015, Bilder von ausschließlich männlich besetzten Podien zu sammeln und mit einem David-Hasselhoff-Bild zu versehen – mit dem Zusatz: „Congrats, you have an all-male panel“. Der Baywatch-Star, so die Finnin, sei die „Verkörperung weißer Männlichkeit“, also ein Inbegriff des privilegierten, weißen, heterosexuellen Mannes. Diese Bilder verbreitete sie anschließend auf ihrem Tumblr-Blog – mit großem Erfolg. In einem Interview mit dem Guardian sagte sie im Mai 2015 über die Veränderung, die sie sich erhofft: „I’m a realist in the way that I don’t think we can achieve equality very quickly. I’m hoping that people will no longer organize all-male panels and won’t go on all-male panels. At least a small change.“

Es gibt genau zwei Ausreden (oder zumindest eine davon), die frau zu hören bekommt, wenn sie eine zuständige Person darauf anspricht: Erstens gebe es einfach keine Frauen, die Reputation, Kompetenz und Charisma genug besitzen, um den Ansprüchen des Gremiums oder Podiums gerecht zu werden und zweitens sei es „nur“ Zufall, dass auf der gefühlten zehntausendsten Einladung nur Redner angekündigt werden (wobei sich selbstverständlich zwischen den Zeilen eine Moderatorin oder eine zusätzliche breiter aufgestellte Gruppe verbirgt, die selbstverständlich paritätisch besetzt ist – diese zu nennen sei aber selbstverständlich überflüssig). Die Absurdität einer Aussage geht dabei Hand in Hand mit jener der anderen: Wer in seinen Strukturen Frauen bewusst fördert, sie abgesehen von Lippenbekenntnissen auf Augenhöhe ernst nimmt und ihnen Entscheidungskompetenzen zugesteht, wird nie das Problem haben, keine Frauen für ein Redner*innenpult zu finden. Frauenförderungsmaßnahmen existieren nicht zuletzt deshalb, weil sie funktionieren: in Form von Quoten, von Mentoring- und Buddy-Systemen, in Form von Vernetzung, Empowerment und Sensibilisierungsarbeit (letzteres ist natürlich auch für Männer mehr als angebracht). Nun wäre es ja recht einfach, all das zu etablieren, wenn nicht die Erkenntnis darüber, dass patriarchale Strukturen nun mal patriarchal sind, so schwer zu begreifen wäre.

Kurz gefasst: In einer Gesellschaft, die Frauen* diskriminiert, kann es nur Strukturen geben, die dies genauso tun. Selbst aktive Maßnahmen können dem lediglich entgegenwirken, die Diskriminierung aber nie völlig aufheben. Diese Tatsache ist kein Vorwurf an Männer*, die sich in patriarchalen Strukturen wohlfühlen und gut darin agieren können! Vielmehr ist es eine systemische Beobachtung, die keinesfalls an Einzelpersonen festgemacht werden kann. Wieder kurz gefasst: Es ist nicht die Schuld eines Machos, ein Macho zu sein! Seine Schuld ist es nur, dies nicht zu hinterfragen, dem nicht aktiv entgegenzuwirken.

2015_06_02_world_economic_forum_fDie zweite Ausrede ist noch absurder: Sie beinhaltet nämlich die Faulheit, vor dem Aufgreifen der Diskussion darüber zu reflektieren, wie das Geschlechterverhältnis auf einem Podium oder in einem Gremium ausschaut. Ja, das ist durchaus ein Vorwurf. Die Frage, ob ein rein männlich zusammengesetztes Podium oder Gremium allgemeingültig (also auch für Frauen* gültige) Aussagen treffen kann, wird in den seltensten Fällen überhaupt gestellt – es geht zumeist lediglich um eine zahlenmäßige Beschlussfähigkeit. Aber um beim Thema zu bleiben: Zufälle gibt es nicht. Es gibt nur ein System, das greift, wenn niemand ihm aktiv entgegenwirkt. Oder – um es mit den Worten von Saara Särmä zu sagen: „People say: ‚Oh feminists, what are you complaining about here?‘ Gender equality is a process. It goes backward and it goes forward and it’s really dangerous to think that we’ve already achieved it. There’s a lot of that kind of thinking in Finland that we’ve achieved gender equality and now feminists are taking it too far. As if you could take equality too far.“

Was tun? 

Es gibt im Grunde sowohl für Männer* als auch für Frauen* genau eine Möglichkeit mit einer solchen Situation umzugehen – und die beinhaltet gleich zwei Maßnahmen: Erstens sind Geschlechterverhältnisse immer und überall im Auge zu behalten, deren Ursachen kritisch zu hinterfragen und ihnen entgegenzuwirken. Zweitens müssen wir endlich anfangen, einander ernst zu nehmen, wenn Frauen* sich benachteiligt, diskriminiert und schlicht und einfach weniger ernst genommen fühlen – denn ermutigt und motiviert werden sie nur, wenn sie ernst genommen werden.

Es klingt banal – und doch ist es so schwierig: Allzu viele Mechanismen sind unbewusster Natur: Etwa wenn Frauen* sich beim Sprechen öfters entschuldigen, wenn sie eher Fragen stellen als Aussagen treffen, wenn sie sich unterbrechen lassen, selbst aber Wert darauf legen, andere ausreden zu lassen. Und ja, es gibt Frauen*, die diesen Mustern nicht entsprechen, sondern sich in patriarchalen Strukturen sehr gut und vielleicht auch gerne bewegen. Das ist eine positive Entwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte – doch werden diese Frauen* nicht diejenigen sein, die das System radikal und nachhaltig verändern.

Tonalität und Anonymität

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Allzu oft wird die vermeintlich logische These verbreitet, die Anonymität des Internets biete den „Bösen“ dieser Welt Schutz – den Hetzern, den Drohenden, all jenen, welche die richtige Wahl des Umgangstons nicht beherrschen.

Doch kaum wird bekannt, dass Elsa Fornero, ehemalige italienische Arbeitsministerin, nach Bozen kommt, um an der Freien Universität Bozen einen Vortrag über Pension und Arbeit zu halten, geht der Shitstorm los – unter Echtnamen (die im Screenshot von mir gelöscht wurden):

Bildschirmfoto 2015-04-17 um 14.57.23

Für alle, die des Italienischen nicht mächtig sind, hier letzten drei Kommentare in freier Übersetzung:

– Empfangen wir sie wie es eine Mörderin des Sozialstaates und eine, die verantwortlich ist ohne dafür verantwortlich gemacht worden zu sein für die Abwanderung und den Tod der Arbeit einer ganzen Generation. Verbrechen gegen die Menschlichkeit. 

– Das ist übertrieben, du wirst sie zum Weinen bringen. 

– Wahrscheinlich zahlen sie sie sogar. 

Der Schluss, dass ein Klarnamen-Prinzip das Niveau der Unterhaltung hebt und Drohungen und Hetze seltener werden, ist ein Fehlschluss und ein Pseudo-Alibi, das Administrator_innen, Verwalter_innen und Verantwortliche von Online-Portalen und -Medien aus der Verantwortung nimmt. Dass aber gerade Frauen von der Hetze im Internet überproportional stark betroffen sind, gilt mittlerweile zwar schon als Binsenweisheit. Das Engagement dagegen hält sich dennoch in Grenzen: Auch wenn sich Twitter-Chef Tony Wang bei Frauen, die Erfahrungen mit Schmähungen gemacht haben, entschuldigte, so ist es nach wie vor kein allzu einfaches Prozedere, Trolle bzw. deren Beschimpfungen und Verleumdungen zu melden. Folgen sind ebenso nicht abzusehen. Auf Pacific Standard erschien die inzwischen preisgekrönte Ausführung von Amanda Hess darüber, warum Frauen im Internet nicht willkommen sind. #gamergate, die Drohungen gegen die Feminist-Frequency-Bloggerin Anita Sarkeesian, die geschmacklose Facebook-Aktion des italienischen Movimento5Stelle gegen die Präsidentin der Abgeordnetenkammer Laura Boldrini und nun auch derartige Kommentare auf die schlichte Ankündigung, dass eine Politikerin einen Vortrag hält, machen deutlich, dass es sich nicht um Zufälle handelt, sondern um einen strukturellen Sexismus. Diesem entgegenzutreten und sich solidarisch mit den Betroffenen zu zeigen – und wenn auch nur in Form von Kommentaren und Bemerkungen oder dem persönlichen Zuspruch.

Fest steht: Beschimpfungen sind keine Kritik. Vielmehr setzen sie die Betroffenen unnötig unter Druck bzw. fühlen sich diese sich sogar bedroht. Dieser Umgang miteinander darf in einer offenen, progressiven Gesellschaft keinen Platz finden.

Sexismus im Internet ist ein Problem. Es abzustreiten, wird es nicht lösen.

Gender doesn’t matter? Von wegen…

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Nein, es ist nicht das Geschlecht, das die Benachteiligung von Frauen ausmacht. Es ist schlicht die Tatsache, dass diese eventuell Kinder bekommen, eventuell Mutterschaftsurlaub und Karenz in Anspruch nehmen, eventuell pflegebedürftige (Schwieger)Eltern pflegen, eventuell… irgendwas.

Die Standard-Argumente, warum Frauen das Emporsteigen in der Karriereleiter schwerer fällt – oder besser gesagt: schwerer gemacht wird – als Männern, kennen wir alle längst auswendig. Genauso gut wissen wir, dass sich eh schon vieles gebessert haben und dass sich Frauen doch bitte über nichts beschweren müssten – die Entwicklung geht ohnehin zu ihren Gunsten (wäre da die Krise nicht, aber die gibts eh schon seit sieben Jahren, daher ist sie längst aus der Mode in der Argumentation).

Wäre da nicht Guido Strunks Zwillingsstudie, würden wir diesen Argumenten auch noch Glauben schenken. Aber, keine Angst: Das müssen wir nicht.

Quelle: flipchartfairytales.wordpress.com/2014/08/27/why-is-the-gender-pay-gap-higher-for-management-jobs/

Quelle: flipchartfairytales.wordpress.com/2014/08/27/why-is-the-gender-pay-gap-higher-for-management-jobs/

Bereits 1999 startete der Psychologe und Wirtschaftswissenschaftler Strunk sein Projekt: Anhand von virtuellen Zwillingspaaren, die sich in nichts außer in ihrem biologischen Geschlecht voneinander unterschieden, untersuchte er die Karrierelaufbahnen von AbsolventInnen der Wirtschaftsuniversität Wien (WU). Die Zwillingspaare wurden anhand von insgesamt 24 Kriterien gebildet, unter denen soziale Herkunft, Bildungshintergrund der Eltern aber auch reflexive Eigenschaften wie Fähigkeit zur Selbstdarstellung, Wettbewerbsorientierung, Karrierewunsch, Führungsmotivation und ähnliches einbezogen wurden. Die Ergebnisse, das sagt Strunk selbst später in Interviews, seien dramatisch:

Während in den ersten drei Jahren die Bruttojahresgehälter nur minimal variieren, verdienen Männer auf eine gesamte Dekade gerechnet über 60.000 Euro mehr als Frauen – und das ohne Karenz, ohne Mutterschaft, ohne „Ausfall“. Wird Elternkarenz mit einbezogen bewegen sich die Verlustzahlen im Bereich von über 95.000 Euro. Ähnlich traurig schaut es in der Karriereleiter aus: Während Männern nach 10 Jahren Berufserfahrung durchschnittlich bereits 15 andere Mitarbeiter/innen unterstanden, waren es bei Frauen mit derselben Erfahrung knapp vier. Interessant ist zudem, dass Frauen sich keineswegs unterschätzen, im Gegenteil: Frauen glauben, dass sie für erfolgreicher gehalten werden als ihre männlichen Kollegen. Gleichzeitig sind sie weniger zufrieden in ihrem Beruf als Männer, wenn auch nur marginal.

Was die Arbeitszeit angeht, so stellt Strunk eindeutig klar: „Von Überstunden und Mehrarbeit profitieren Männer, Frauen nicht.“ Ob sich Frauen mit weniger zufrieden geben oder Männer ihre Arbeitszeit großzügiger angeben, ist nicht eindeutig klar, ganz im Gegensatz zur Quotenfrage. „Es hat sich gezeigt, dass, wenn man eine Frauenquote einführt, viel mehr Frauen den Versuch wagen, in Konkurrenz zu treten. Es reicht zu sagen: Ihr habt dieselbe Chance“, so der Wissenschaftler dazu.

Um es mal zusammenzufassen: Frauen werden in der Arbeitswelt nicht diskriminiert, weil sie Kinder bekommen könnten, für Angehörige verantwortlich sein könnten oder wegen was auch immer. Frauen werden diskriminiert, weil sie Frauen sind. Dem entspricht auch der Titel von Strunks Studie: „Eine Frau muss ein Mann sein, um Karriere zu machen.“

So einfach, so klar, so eindeutig.

Links: 

Interview mit Guido Strunk – derstandard.at
„Weil sie einfach Frauen sind“ – diestandard.at
Präsentation der Studie
Frauen auf dem Gipfel – orf.at

Artikel über den Gender Pay Gap im Management: klick

Wer ist Luciana Castellina?

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Geschichte wurde (und wird leider immer noch) allzu häufig von Männern für Männer über (vermeintlich große) Männer geschrieben. Dem entsprechend schwierig gestaltete sich die Suche des italienischen Parlaments nach Kandidatinnen für die Präsidentschaftswahl. Alle sprachen davon, dass die Zeit reif sei für eine Präsidentin – aber die Stelle blieb für alle (bis vielleicht auf Emma Bonino) Frauen außerhalb der realistischen Reichweite. Mit Laura Boldrini und Valeria Fedeli saßen dem versammelten Parlament zwei Frauen vor – allein das könnte schon als Fortschritt bedacht werden – als solcher wurde die Tatsache von Fedeli auch bezeichnet. Sich damit zufrieden zu geben, wäre aber ein fauler Kompromiss, ganz klar.

Dass es in ganz Italien keine Frau gäbe, die für die Stelle geeignet wäre, ist natürlich absoluter Humbug und eine lächerliche Ausrede – das hat die SEL (Sinistra Ecologia Libertà) mit ihrer Aktion gestern bewiesen: Sie wählte geschlossen Luciana Castellina, eine Frau, deren deutschsprachiger Wikipedia-Eintrag gerade einmal drei Zeilen lang ist. Der italienischsprachige ist zwar wesentlich länger, aber immer noch nicht der Rede wert.

Castellina-Luciana_DR„Se il Pd propone il nome di Mattarella, Sel valuterà positivamente questa proposta perché è una figura limpida sul piano morale e politico. […] Ma oggi voteremo Luciana Castellina, una donna straordinaria.“ 
Nichi Vendola (SEL)

Luciana Castellina wurde 1929 in Rom geboren und schloss sich 1947 dem PCI (Partito Comunista Italiano) an. Die Juristin gründete die linke Tageszeitung „Il manifesto“ mit und gehörte 1974 zu den Motivator/innen des Partito di Unità Proletaria per il comunismo.  Als Abgeordnete des PDUP saß sie von 1979 bis 1999 im Europaparlament und war Vorsitzende der Kommission für Kultur, Jugend, Bildung und Information (1994-1997) sowie der Kommission für internationale wirtschaftliche Beziehungen (1997-1998). 1984 war sie zudem Vizevorsitzende der Gruppierung der unabhängigen Abgeordneten. In den 50er Jahren war sie kurzzeitig mit dem Partisanen Alfredo Reichlin verheiratet und war lange Zeit die Gefährtin von Lucio Magri.

(Es mag absurd klingen, sie an dieser Stelle als „Frau von“ zu definieren – aber leider sind immer noch das die Muster, an denen Frauen eingeordnet werden und die Daten, an denen sie greifbarer scheinen.)

Als Journalistin und Autorin wurde sie unter anderem durch ihre Bücher bekannt: 2007 erschien „Cinquant’anni d’Europa – uns lettura atiretorica“, 2011 „La scoperta del Mondo“ (die Geschichte ihrer eigenen kommunistischen Politisierung) und 2012 „Siberiana“, eine Reisebeschreibung einer Zugreise von Moskau nach Vladivostok. 2012 erschien zudem der Film „Luciana Castellina, comunista“ von Daniele Segre mit Interviews mit Castellina. Zu sehen ist die mittlerweile 85-Jährige auch in „La storia siamo noi“ der RAI.

„La mia generazione voleva fare tutti i mestieri e tutte le vite possibili. E peró ci sembrava che per poterlo fare dovevamo assomigliare agli uomini, dovevamo essere come gli uomini. E concipivamo la nostra battaglia che allora chiamavamo l’emancipazione femminile come il raggiungimento di questo meraviglioso traguardo: Essere come i maschi. Ci sono voluti molti anni per capire che non era un grande obiettivo, che il problema non era quello di assomigliare i maschi ma invece di valorizzare l’essere differenti, la diversità femminile, che noi – non é che eravamo handicappate o deboli, eravamo soltanto diverse.“ 
Luciana Castellina

The way we are represented matters oder: Das mit den Bildern

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Als in Schweden vor etwas mehr als einem Jahr der Bechdel-Test als Indikator für die Repräsentanz von Frauen eingeführt und auch in Werbeanzeigen und Vorankündigungen abgedruckt wurde, sorgte das teilweise für Verwunderung, teilweise für Belustigung, teilweise für Unverständnis. Nun, fast zwei Jahre später stehen wir vor der Situation, dass die Oscar-Nominierten (!) in den Kategorien „Regie“ sowie „Drehbuch“ ausnahmslos weiße Männer sind. Die Verwunderung, Belustigung und das Unverständnis für diese Entscheidung hielten sich in Grenzen.

Im Alltag

Die Katze beißt sich selbst in den Schwanz: Ohne positive Role Models keine Ermutigung und Motivation für Frauen, in Führungspositionen zu streben. Ohne diese „Vorkämpferinnen“ keine nachhaltige Frauenförderung. Und ohne diese treten wir an der Stelle. Sibylle Hamann und Eva Linsinger formulieren diesen Effekt im Zusammenhang mit den wenigen Frauen in technischen Berufen folgendermaßen:

„Die Physikerin Ina Wagner kann dieses Phänomen bestätigen. An ihrem Institut für Gestaltungsforschung der Technischen Universität Wien studieren überproportional viele Frauen – was ihrer Meinung nach damit zu tun hat, dass unter den Mitarbeiterinnen des Instituts viele Frauen sind. ‚Vorbilder sind einfach sehr wichtig‘, sagt sie. Oder, umgekehrt formuliert: ‚Wo keine Frauen sind, da gehen auch keine Frauen hin.’“

Im weiteren Verlauf des Buches „Weißbuch Frauen. Schwarzbuch Männer. Warum wir einen neuen Geschlechtervertrag brauchen“ führen die Autorinnen die Theorie der „unbewussten Homophilie“ ins Feld, derzufolge Männer und Frauen jeweils gleichgeschlechtliche Mitarbeiter/innen bevorzugen, eine Theorie, die mittlerweile durch verschiedenste Studien breit bestätigt ist und die Rolle von Frauen als Vorbilder und in einem neuen Licht erscheinen lässt. Wirklich nachhaltige Frauenförderung besteht demnach sehr wohl (unter anderem!) darin, einzelne Frauen in Führungspositionen zu heben.

In Medien 

Die US-amerikanische Initiative „The Representation Project“ fasst unter dem Titel „Causes and Effects“ einiges an Zahlen zusammen, die zum Nachdenken anregen: Von den beruflich tätigen Figuren in „g-rated“-Filmen (unter g-rated versteht man in den USA Filme unter dem Schlagwort „general admission“, also jugendfreie Filme) sind 80% männlich. Unter den 20% berufstätigen Frauen finden sich kaum Anwältinnen, CEOs oder gar Politikerinnen. Vor 20 Jahren wogen Models etwa 8% weniger als durchschnittliche Frauen, heute sind es 23%. 56% der im Fernsehen Werbenden nutzen Schönheit als Verkaufsreiz. Bei einem Medienkonsum von fast 11 Stunden täglich sind die Wirkungen niederschwelliger Botschaften nicht zu unterschätzen. Jennifer Siebel Newsom, Produzentin des Films „Mis(s) Representation“, setzt sich in diesem Film mit dem Frauenbild in Medien auseinander – unter dem Motto „Du kannst nicht sein, was du nicht siehst“. Nach der Veröffentlichung der Oscar-Nominierungen nahm sie öffentlich zur fehlenden Diversität Stellung:

„I am disappointed at the lack of diversity in the Academy Award nominations announced this morning. Not a single female director, screenwriter, or cinematographer were nominated. In addition, no people of color received acting nominations. We have got to do a better job of rewarding the accomplishments of diverse media makers and celebrating diversity in our media. Otherwise, we will continue to see the same tired status quo. The way we are represented matters.“

Best practice 

Siebel Newtons zweiter Film, „The Mask You Live In“ erscheint in Kürze in den USA und handelt von Männlichkeitsbildern und -darstellungen sowie vom Druck, dem junge Männer in der US-amerikanischen Gesellschaft unterworfen sind. Trotz allem gibt es sehr wohl auch Positiv-Beispiele für Diversität, realistische Gesellschaftsdarstellungen und damit auch für Role Models, die es in sich haben: „Borgen“ etwa ist eines dafür. Die auf arte ausgestrahlte, dänische Serie erzählt von der fiktiven dänischen Premierministerin Birgitte Nyborg, die als erste Frau in dieser Rolle mit Klischees, Vorurteilen, aber auch vereinzelt mit Wohlwollen betrachtet wird. Zu kämpfen hat sie mit durchaus realistischen, gegenwartsnahen, politischen Themen: Integration, Rechtsruck, Außenpolitik, wirtschaftliche Krisen und vieles mehr. Die Serie zeigt eine starke Frau im täglichen Konflikt zwischen Prinzipien und Realpolitik, die es zu vereinbaren gilt, ohne billige Kompromisse einzugehen. So banal das auf den ersten Blick klingt, so spannend ist es dargestellt.

Wesentlich „amerikanischer“ geprägt ist da schon die etwas ältere Serie „Welcome, Mrs. President“ (im englischen Original: „Commander in Chief“) mit Geena Davis in der Hauptrolle als erste Präsidentin der USA. Nach dem plötzlichen Tod des Präsidenten wird die Vizepräsidentin Allen Mackenzie vom Vorsitzenden des Repräsentantenhauses dazu aufgefordert, ihm das Amt abzutreten. Sie weigert sich und wird als Präsidentin vereidigt. Diese Serie setzt sich vor allem auch mit Rollen und Prestige auseinander, denen die Familie gerecht werden muss: Allens Mann fühlt als „First Gentleman“ nicht wirklich wohl, ihre Kinder werden auf Schritt und Tritt von Sicherheitsdiensten überwacht.

Die ebenfalls US-amerikanische Serie „Scandal“ schlägt in eine ähnliche Kerbe. Schauplatz ist wieder die Hauptstadt der Vereinigten Staaten, Hauptfigur Olivia Pope. Ihre Aufgabe ist es, gemeinsam mit ihrem Team Probleme (zumeist auf höchster politischer Ebene) zu lösen, ehe sie zu Skandalen werden. Die Serie beginnt durchaus vielversprechend, wird aber auf Dauer etwas eintönig. Shonda Rhimes, Drehbuchautorin und Produzentin, die unter anderem auch an „Grey’s Anatomy“ und „Private Practice“ beteiligt war, schuf mit „Scandal“ eine Polit-Serie mit einer weiblichen, dunkelhäutigen Hauptdarstellerin – Kerry Washington –, die von der Erziehungswissenschaftlerin Maisha-Moreen Eggers als rassismuskritisch und antiheteronormativ bezeichnet wurde. Die Wissenschaftlerin der Humboldt-Universität in Berlin attestiert der Serie zudem eine starke Präsenz von Feministinnen und feministischen Positionen. Der New Yorker spricht im Zusammenhang mit „Scandal“ von  „the first network TV drama with a black female lead character since 1974.“

Fazit

Wer sich die drei oben genannten Beispiele anschaut, wird vielleicht zu dem Schluss kommen, dass es gar nicht so schlecht ausschaut. In Betracht gezogen werden muss hierbei aber, dass es sich bei zwei von den drei Serien um US-amerikanische Produktionen handelt. Lediglich „Borgen“ ist in Europa entstanden – und steht dort ziemlich allein da. Es gibt also eine starke Diskrepanz zwischen dem Gender Mainstreaming in den USA und in Europa – nicht nur im Bezug auf Film und Fernsehen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob es reicht, wenn sich Feminismus auf das Schaffen von Role Models beschränkt: Weder „Scandal“ noch „Welcome, Mrs. President“ hinterfragen das gängige weibliche Schönheitsideal – soll nicht heißen, dass die abgebildeten Personen nicht realistisch seien – aber sie fallen eben auch nicht aus irgendwelchen Rahmen. Erwähnenswert wäre hierbei allerhöchstens Birgitte Nyborg und ihren durchaus positiven Umgang mit ihrem Alter.

Fazit vom Fazit: Da ist viel im Gange, aber es bleibt noch mehr zu tun – wie untenstehendes Video von Representation Project zeigt. 

Katja Petrowskaja – Vielleicht Esther

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Um es kurz zu machen: Wer die Ukraine, wer diesen unglaublich heterogenen Osten, wer die gegenwärtige Situation dort verstehen will, kommt an „Vielleicht Esther“ von Katja Petrowskaja kaum vorbei. „Vielleicht Esther“ ist nicht mehr als eine Vermutung. Vielleicht hieß sie Esther, die Urgroßmutter der Autorin, von der nur noch wenige Spuren geblieben sind. Spuren im Gedächtnis, aber nur schwer auffindbare in der Realität – und das Massaker von Babi Jar, bei dem diese Urgroßmutter von den Nationalsozialisten ermordet wurde.

„Ich glaube, sie hieß Esther, sagte mein Vater. Ja, vielleicht Esther. Ich hatte zwei Großmütter, und eine von ihnen hieß Esther.
Wie vielleicht?, fragte ich empört, du weißt nicht, wie deine Großmutter hieß?
Ich habe sie nie bei ihrem Namen genannt, erwiderte mein Vater, ich sagte Babuschka, und meine Eltern sagten Mutter.“

Es sind kleine, feine Details, an denen sich Petrowskaja durch ihre eigene Familiengeschichte hangelt, es ist kein durchlaufender Roman, sondern feinsinnige, ineinander verwobene Geschichten voller Überraschungen, geschrieben mit einer außergewöhnlichen Liebe zum Detail.

Ihre Nachforschungen führen Petrowskaja quer durch den ehemaligen Ostblock und letztendlich in Richtung Westen. Wie verbunden die Bachmann-Preisträgerin von 2013 mit „ihrer“ Ukraine ist, zeigt ihr Engagement für dieses Land und ihre Unzufriedenheit mit dem Umgang damit: Im Dezember erschien ihr mutiger Essay in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter dem Titel „Ein Land im toten Winkel. Der Fall Ukraine ist die Niederlage Europas“. Sie spricht darin von der Ukraine und den Hoffnungen, die diese in die Europäer/innen setzte. Und sie spricht von der Scheinheiligkeit, mit der dieses Land in seinem Europa-Enthusiasmus letztendlich behandelt wurde:

„Noch vor einem Jahr dachte ich, dass hier in Europa ein Konsens darüber herrscht, was Totalitarismus ist und was Widerstand, was Menschenrechte sind und was Nationalismus, was ein politisches Subjekt ausmacht und was Freiheit und Demokratie. Ich habe mich getäuscht.“

Die europäische Idee von Wert und Wahrheit sei aus den Fugen geraten, schreibt Petrowskaja. Inklusive des Verständnisses davon, was Krieg sei und was Frieden.

Vor diesem Hintergrund ist klar: „Vielleicht Esther“ ist ein wichtiges Buch – entstanden und prämiert zu einem Zeitpunkt, der bedeutsam ist für alles, was es behandelt: Europa und seine vermeintliche Peripherie, die längst keine mehr ist.

Die Quote – once again

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Wenige Debatten werden so emotional geführt wie die über Frauenquoten und Gender Mainstreaming. Dabei ist Südtirol ein Musterbeispiel dafür, dass Quoten funktionieren.

Anders als in Österreich, wo Quoten bisher parteiintern geregelt werden, gibt es in Südtirol sehr klare Regelungen, um die Repräsentanz beider Geschlechter in politischen Gremien zu gewährleisten. Betrachtet mensch hingegen das nördliche Nachbarland, so zeigt die Debatte über das Nationalratsmandat der verstorbenen Barbara Prammer lediglich, dass freiwillige Quoten ohne Sanktionen weder Klarheit noch Sicherheit bieten. Sie sind allerhöchstens ein kleiner Schritt, der ohne einen weiteren (nämlich den zu einer für alle gültigen Quote) unvollständig bleibt.

Welche Quoten gibt es in Südtirol?

Auf Gemeindeebene gibt es einerseits die Listenquoten: Eine Liste, auf der ein Geschlecht mehr als zwei Drittel der Listenplätze einnimmt, darf nicht zu den Wahlen antreten. Dies besagt die Gemeinderatswahlordnung, die zuletzt 2005 aktualisiert wurde. Diese Listenquote aus dem Jahr 2004 legt dabei keineswegs fest, auf welchem Listenplatz frau gereiht wird – und ist dem entsprechend nur in Maßen wirksam. 2013 wurde daher noch einmal im Bezug auf den Gemeindeausschuss nachgebessert: Ab den nächsten Gemeinderatswahlen 2015 (bzw. in manchen Gemeinden schon ab 2014, da früher gewählt wurde) muss das unterrepräsentierte Geschlecht im Gemeindeausschuss proportional mindestens genauso stark vertreten sein wie es in den Gemeinderat gewählt wurde. Sprich: 30 Prozent Frauen im Gemeinderat (wie utopisch!) bedeutet 30 Prozent Frauen im Gemeindeausschuss.

Was das bringt? Vergleichen wir Südtirol einmal mit Kärnten. Das österreichische Bundesland hat 132 Gemeinden, Südtirol 116. In Südtirol gibt es insgesamt zehn Bürgermeisterinnen, in Kärnten sage und schreibe drei. In beiden Fällen sind es noch viel zu wenig, und doch tut sich etwas. Zu berücksichtigen ist hierbei vor allem die Tatsache, dass der Eintritt in die Gemeindestuben für Frauen sogar noch schwieriger scheint als jener in den Landtag – zumindest wenn man sich die Sache zahlenmäßig anschaut: Im Landtag sind immerhin zehn von 35 Abgeordneten Frauen.

Auch auf Landesebene, sprich bei Landtagswahlen, darf kein Geschlecht mehr als zwei Drittel der Listenplätze einnehmen, die Listenquote wurde bei den Landtagswahlen 2013 zum ersten Mal eingesetzt. Auch hier wird die Reihung nach wie vor nicht vorgeschrieben. Die Zusammensetzung der Landesregierung muss „dem Geschlechterverhältnis im Landtag zum Zeitpunkt seiner Konstituierung“ entsprechen.

Die radikale Idee?

Immer wieder sorgten die Quoten in den letzten Jahren – und vor allem Monaten – für Polemik. Es scheint, als stünden Frauen heute ohnehin alle Möglichkeiten offen, als bräuchten sie keine Unterstützung mehr. Umgekehrt funktioniert die Gleichung aber nicht: Wenn Frauen dieselben Chancen haben wie Männer, warum nutzen sie diese nicht? Warum sind Frauen selten motiviert, politische Verantwortung zu übernehmen?
Auch wenn überparteiliche Kommunikation absolut nicht zu den Stärken der Südtiroler Politik gehört, scheint sich unter vielen Politikerinnen doch eine Art feministischer Konsens gebildet zu haben, der sich aber gegen starke Angriffe zur Wehr setzen musste und muss:

Im vergangenen September gab es den Versuch, die Quote für den Gemeindeausschuss aufzuweichen. Er schlug fehl – den Querulant/innen sei dank. Das Geständnis, eine Quotenfrau zu sein, ist längst kein Tabu mehr. Warum auch? Der Appetit kommt mit dem Essen, die Freude an der Politik, der notwendige Ehrgeiz ergeben sich aus einem politischen Engagement heraus von selbst. Wer heute zu einer Kandidatur überredet werden muss, ist morgen noch lange keine schlechte Politikerin – im Gegenteil: Reflektierte, selbstkritische und damit verantwortungsbewusste Menschen sind essentiell für eine Demokratie.
Doch gerade für sie ist unsere Repräsentationspolitik ein bitterkalter Ort: Dieses Aufschreien, dieses Skandalisieren – wie es etwa Brigitte Foppa in den letzten Tagen erlebt haben muss –, das vor allem Frauen entgegenschlägt, die sich für andere Frauen (und sei es für nachkommende Politikerinnengenerationen) stark machen, demotiviert, zermürbt, frustriert. Angriffe auf persönlicher Ebene, weit unter der Gürtellinie und im Schutze der Internet-Anonymität gehören für viele längst zum Alltag. (Wir fragen uns, warum Frauen weniger motiviert sind, in die Politik zu gehen? Seriously?) Solidarität – ohne wenn und aber – ist hier gefragt. Frauen müssen untereinander nicht einer Meinung sein, nur um die Angriffe auf die jeweils andere zu verurteilen. Das gilt natürlich nicht nur für Frauen, sondern für alle unterrepräsentierten Gruppen.

Ideen, wie jene der doppelten Vorzugsstimme bei Gemeinderatswahlen (wer mehr als zwei Vorzugsstimmen vergeben möchte, muss mindestens eine davon dem jeweils anderen Geschlecht geben) sind keineswegs radikal: Diese wird bereits in verschiedenen italienischen Regionen praktiziert und wurde 2014 in einem anderen Kontext auch in Südtirol angewendet: An manchen mag es vielleicht vorübergegangen sein, aber um den Anteil weiblicher Abgeordneter im EU-Parlament zu erhöhen, griff das italienische Parlament zu so ziemlich dem konsequentesten Mittel, das es zur Verfügung hatte: eben der doppelten Vorzugsstimme. Wer drei Vorzugsstimmen vergab, musste mindestens eine davon dem jeweils anderen Geschlecht geben.

Wo ist der Skandal in dieser Geschichte? Dass Frauen Macht für sich beanspruchen und dies selbstbewusst und offen zeigen? Dass sie nicht mehr abwarten wollen, bis das Rad der Geschichte die Sache mit der Gleichberechtigung von selbst ins Lot bringt? Ist dieser Idealzustand „Gleichberechtigung“ nicht erst dann erreicht, wenn eine inkompetente Frau dieselben Chancen hat wie ein inkompetenter Mann? Ist es ein Skandal, dass Politikerinnen dahingehend arbeiten, dass die Quote – und je konsequenter wir sie einführen, desto schneller sind wir sie wieder los – irgendwann wirklich unnötig wird? In all dem sehe ich keinen Skandal. In all dem sehe ich vielmehr Verantwortungsbewusstsein, Courage, den Willen, mitzugestalten, und den Idealismus, der in der Alltagspolitik so oft verloren geht.

Ende des Prinzips Leistung?

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2004 wurden in Südtirol Stipendien eingeführt, die Studienleistungen unabhängig von wirtschaftlicher Bedürftigkeit belohnen wollen. Nun sollen sie abgeschafft werden.

Leistung ist ein umstrittenes Prinzip – vor allem, wenn es um Studierende und ihr Studium geht. Lässt sich Leistung in Noten und ECTS messen, die durch „Kreuzerltests“ oder andere oft genug willkürliche Prüfungen erstritten werden? Lässt sich Leistung an der Zahl bestandener Lehrveranstaltungen messen?

In Südtirol ist dem so – beziehungsweise war dem so oder besser: wird dem so gewesen sein. Die Bewerber/innen für Leistungsstipendien werden in „Studierende im Ausland“ und „Studierende in Italien“ unterteilt, bei letzteren gibt es noch die Untergruppen „Studierende in Italien außerhalb Südtirol“ sowie „Studierende in Südtirol“. Gerade die „In Südtirol-Gruppierung“ scheint paradox: Anders als die meisten anderen Universitäten darf die Freie Universität Bozen ihre Leistungsstipendien nach wie vor nicht selbst vergeben.
Selbstverständlich ließe sich das ändern – bei gleichzeitigem Ausschluss der Uni-BZ-Studis aus dem Landeswettbewerb. Aber genauso selbstverständlich wäre das ungerecht: Während alle anderen Studierenden um Leistungsstipendien sowohl an ihrer eigenen Uni ansuchen als auch am Landeswettbewerb teilnehmen können, bliebe dies den Studierenden der Universität Bozen verwehrt. Es scheint also eine ganze Spirale unlösbarer Dilemmas zu geben: Jeder Alternativvorschlag eröffnet ein neues. Die einzige zielführende, aber radikale Lösung wäre die Umschichtung der Geldmittel, sodass die Universität Bozen ihre eigenen Leistungsstipendien vergeben kann, während die außerhalb Südtirols Studierenden nur nach Kriterien wirtschaftlicher Bedürftigkeit unterstützt werden.

Die aktuelle Situation

Aber zurück zu den Fakten: Die Vergabe der im Studienjahr 2014/15 mit 1.160,00 Euro dotierten Leistungsstipendien erfolgt in beiden Gruppen (Österreich und Italien) zu je 15% über eine allgemeine Rangordnung. Soll heißen: Wer am meisten ECTS mit dem höchsten Notendurchschnitt abgeschlossen hat, bekommt das Geld. Die restlichen 85% werden proportional zur Anzahl der Studierenden nach Studienrichtungen aufgeteilt:

1. Geisteswissenschaften, künstlerische Studien, Theologie und Lehramtsstudien

2. Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften

3. Naturwissenschaften und Technik

4. Medizinische Studien und Pflegewissenschaften

Das Bologna-System wurde und wird unter anderem deshalb so stark kritisiert, weil es vergleichen will, was nicht vergleichbar ist. Rechtswissenschaften und Soziologie, Biologie und Bauingenieurwesen, Musik und Lehramt Mathe – das klingt abstrus. Genau das macht das System der Leistungsstipendien in Südtirol.

Es sei hinzugefügt: Die Differenzierung der Fachbereiche, die unterschiedlichen Wettbewerbe für Italien und Österreich und die Unterteilung des ersteren in noch einmal zwei Bereiche wurde erst nach und nach so umgesetzt – Schadensbegrenzung in reiner Form.

Leistung vs. wirtschaftliche Bedürftigkeit: EEVE and more

Leistung wird so als trockenes, in Zahlen fassbares Prinzip. Ist sie das? Was ist Leistung? Diese Diskussion fehlt bisher.Was ist mit ehrenamtlichen Engagement, was ist mit Lohnarbeit, Pflegearbeit, Reproduktionsarbeit neben dem Studium, die Ressourcen und Zeit Das Leistungsprinzip, wie es der Landeswettbewerb vorsieht, lässt all das unberücksichtigt. Auf der Basis pseudo-objektiver Beurteilungen wird hier Geld verteilt – seit Anno 2004

Warum dieses System damals eingeführt wurde, steht auf einem anderen Blatt: Das Beihilfen-System in Südtirol, also jenes der Studienbeihilfen, welche an die wirtschaftliche Bedürftigkeit gekoppelt sind, ist alt, sehr alt sogar. Laut Südtiroler HochschülerInnenschaft hat es mittlerweile ganze 25 Jahre auf dem Buckel – entstand also in einer Zeit, in der es noch keine Freie Universität Bozen gab und auch die Formen familiären Zusammenlebens andere waren. Das Flickwerk von damals wurde nie konsequent angepasst, sondern hielt sich hartnäckig. Der bittere Beigeschmack: Die Treffsicherheit sank stetig.

Überlegungen über die Koppelung der Beihilfen an die Einheitliche Einkommens- und Vermögenserklärung (EEVE) blieben bisher Gerüchte, auch wenn das Szenario immer wieder zeitnah scheint. Theoretisch besagt das Landesgesetz Nr. 17 vom 22. Oktober 1993 ausdrücklich, dass Stipendien und Förderungen im Bildungsbereich langfristig nach den Kriterien der EEVE vergeben werden sollen. Die dazugehörige Durchführungsbestimmung, die 2011 aktualisiert wurde, hält aber fest: „Den Zeitpunkt und die Modalitäten des Beitritts der einzelnen Bereiche setzt aber die Landesregierung fest.“ Im Klartext: Niemand weiß wie, niemand weiß wann.

Abgesehen von der Erkenntnis, dass das EEVE-System nach ganz anderen Schwerpunkten ausgearbeitet wurden als jenen, die für eine Hochschulstudienbeihilfe tauglich wären, ist bisher nichts dergleichen geschehen. Dass bei der Erarbeitung der EEVE-Kriterien die Studienbeihilfen nicht ausreichend berücksichtigt wurden, liegt auch daran, dass die ordentlichen Studienbeihilfen und deren Verteilung dem Amt für Hochschulfürsorge obliegen, während alle anderen bisherigen Leistungen, für deren Inanspruchnahme die EEVE notwendig ist, im Sozialressort angesiedelt sind. Das heißt, die Kriterien wurden von Personen ausgehandelt, die mit Hochschulfürsorge denkbar wenig am Hut haben.

Die Treffsicherheit des Beihilfensystems sank also mit der Zeit. Und niemand tat etwas dagegen, abgesehen von geringfügigen Korrekturen. Seit Juni geht das Gespenst der EEVE-basierten Studienbeihilfen wieder um – allerdings in Verbindung der Forderung, dass im Falle eines Beitritts die Kriterien neu verhandelt werden müssen.

Und die Moral von der Geschicht…

2004 wurden dann, wohl auch um den Aufwand einer grundsätzlichen Reform der Vergabe der ordentlichen Studienbeihilfen vor der Überführung in das EEVE-System zu vermeiden, Leistungsstipendien eingeführt. Noten und ECTS in Geld umwandeln – eine Rechnung die absurd scheint, der modischen Praxis, alles in Zahlen – und damit auch in Geld – ausdrücken und messen zu wollen, aber durchaus gerecht wird.

Nun werden die Leistungsstipendien wieder abgeschafft. Vielleicht steht wirklich eine fundierte und radikale Überarbeitung der Kriterien – etwa der ungeeigneten EEVE-Kriterien – für die Vergabe der ordentlichen Studienbeihilfen an. Mit Verlaub: Der Gedankengang scheint mir naiv. Viel wahrscheinlicher ist, dass wieder einmal das Geld fehlt. Gespart wird dann eben im Hochschulbereich, business as usual.

Die Frage ist demnach nicht, ob die Leistungsstipendien beibehalten werden sollen. Die Frage ist vielmehr, was danach kommt. Ersatzlose Streichung? Nein, danke. Zusammenführung der Geldmittel der Leistungsstipendien mit denen Studienbeihilfen in ein reformiertes Beihilfensystem, das beispielsweise auch außeruniversitäres Engagement entsprechend honoriert, das treffsicher die wirtschaftlich Bedürftigen unterstützt? Ja, bitte.